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Resistenzen müssen weiter zurückgedrängt werden

Dokumentation der Ergebnisse des BVL-Symposiums "Risikomanagement zur Begrenzung von Antibiotikaresistenzen" vom 15. und 16. November 2004

„Wie ist die Entwicklung und Verbreitung von Resistenzen bei Mikroorganismen gegenüber antibiotisch wirksamen Tierarzneimitteln zu minimieren?“ Mit dieser Fragestellung beschäftigten sich am 15. und 16. November 2004 in Berlin rund 250 Veterinär und Humanmediziner, Pharmakologen und Biologen. Parallel zu den wissenschaftlichen Vorträgen fand eine begleitende Posterausstellung mit 40 Veröffentlichungen aus dem In- und Ausland zum Thema Antibiotikaresistenz statt.

Die weltweite Gefährdung der Gesundheit durch eine Zunahme von Antibiotikaresistenzen geriet in den letzten Jahren immer mehr in das Zentrum des öffentlichen Interesses. Unter Fachleuten wurde das Problem unter anderem 1998 auf der Konferenz "The Microbial Threat" in Kopenhagen intensiv diskutiert. Seither gibt es sowohl von Seiten der Europäi-schen Union als auf nationaler Ebene in Europa vermehrt Anstrengungen, den Gefahren zunehmender Antibiotikaresistenzen zu begegnen. Zu dem Internationalen Symposium "Risikomanagement zur Begrenzung von Antibiotikaresistenzen" hatte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) auf Initiative des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft eingeladen.

Das Symposium nahm inhaltlich den Faden einer Tagung des Bundesinstituts für Risikobewertung vom Vorjahr auf, die sich mit der Risikoanalyse in Bezug auf Antibiotikaresistenzen auseinander gesetzt und Managementempfehlungen erarbeitet hatte. Auf der Basis der von der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Weltorganisation für Tiergesundheit OIE im Dezember 2003 vorgeschlagenen Managementmaßnahmen disku-tierten die Referenten mit den Gastwissenschaftlern Ansätze zur Verbesserung des Risikomanagements. So besteht nach Ansicht der Experten die Notwendigkeit, den Verbrauch antimikrobiell wirksamer Substanzen in der Veterinärmedizin zukünftig detailliert zu erfassen. Ein risikoorientiertes Antibiotikaresistenz-Monitoring ist nach Ansicht der Experten auf allen Stufen der Lebensmittelproduktion von Lebensmittel liefernden Tieren notwendig.

Dabei sollten auch Tierarten berücksichtigt werden, die keine Lebensmittel liefern. Das Antibiotikaresistenz-Monitoring sollte Zoonosen-Erreger, apathogene Keime (Kommensalen) und tierpathogene Bakterien einschließen. Die Wissenschaftler betonten die Notwendigkeit, ein spezifisches Risikomanagement für besonders wichtige Antibiotika aus dem Humanbereich zu betreiben, um deren Wirksamkeit nicht durch Antibiotika aus der Veterinärmedizin zu beeinträchtigen. Grundsätzlich müssen verstärkt Strategien entwickelt werden, durch die der Übergang resistenter Bakterien vom Tier auf den Menschen minimiert wird. Deutliche Anhaltspunkte, mit denen der Bildung von resistenten Keimen entgegen getreten werden kann, hat auch die Arbeitsgemeinschaft der Leitenden Veterinärbeamten (Arge-Vet) mit ihren „Prudent use Guidelines“ (Leitlinien für den sorgfältigen Umgang mit Antibiotika) geliefert. Die Experten des Symposiums sprachen die Empfehlung aus, diese Vorgaben in gesetzlich verbindlicher Form zu implementieren.

Diskussion der Empfehlungen der WHO und OIE für ein Risikomanagement der Antibiotikaresistenz
Die Empfehlungen der WHO, der OIE sowie die Beiträge der Diskussionsteilnehmer zeigten, dass bei der Bearbeitung der Resistenzproblematik ein präventiver Ansatz gewählt werden sollte. Die Vermeidung der Entstehung von Resistenzen soll bereits bei der Zulassung von Antibiotika thematisiert werden. Die Leitlinien zum sorgfältigen Umgang mit Antibiotika und das Monitoring der Empfindlichkeit von Bakterien stellen weitere Instrumente der Resistenzprävention dar. Vor allem müssen die Managementmaßnahmen zur Vermeidung von Resistenzbildungen zwischen dem Human- und dem Veterinärbereich besser koordiniert werden. Als bedeutend wird die detaillierte Erfassung des Verbrauchs antimikrobiell wirksamer Substanzen in der Veterinärmedizin und die Durchführung eines risikoorientierten Monitorings von Antibiotikaresistenzen auf allen Stufen der Lebensmittelproduktion von Lebensmittel liefernden Tieren angesehen. Auf allen Stufen der Lebensmittelproduktion muss wirksam kontrolliert und ggf. auch interveniert werden. Dabei erschien den Diskussionsteilnehmern eine Verbesserung der Überwachungsmaßnahmen auf der Basis der bestehenden gesetzlichen Regelungen möglich.

Kontrollen der Vertriebswege und eine Stärkung des Vollzuges der Überwachungsbehörden sind besonders effiziente Ansatzpunkte, an denen ein Übergang resistenter Bakterien vom Tier auf den Menschen zu verhindern ist. Es wurde wiederholt betont, dass der allgemeine Selektionsdruck durch den Einsatz antimikrobiell wirksamer Substanzen durch den sorgfältigen Umgang mit Antibiotika verringert werden kann. Daher sollten die Leitlinien zum sorgfältigen Umgang mit antimikrobiell wirk-samen Substanzen "Prudent use Guidelines" fortgeschrieben und gesetzlich verankert werden. In der Praxis hat sich bisher gezeigt, dass die den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand widerspiegelnden Leitlinien eine gute Voraussetzung zur Minimierung von Antibioti-karesistenzen darstellen. Eine Implementierung der Leitlinien in der gesamten Europäi-schen Union erscheint daher sinnvoll. Ein spezifisches Risikomanagement für besonders wichtige Antibiotika aus dem Humanbereich, die durch den Einsatz von Antibiotika in der Veterinärmedizin in ihrer Wirkung beein-trächtigt werden können, sollte entwickelt werden. Zudem ist es unter therapeutischen Gesichtspunkten notwendig, spezifische veterinärmedizinische Grenzwerte (breakpoints) für die verschiedenen Antibiotika zu erarbeiten.

Die primären Resistenzprobleme (z.B. MRSA, ESBL bei E. coli, Klebsiella spp.) in der Humanmedizin sind nicht auf die Anwendung von Antibiotika in der Veterinärmedizin zurückzu-führen. Dies bestätigten Humanmediziner auf dem Symposium des BVL. Dennoch stellen resistente Zoonosenerreger auch ein Risiko für den Menschen dar. In diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, dass auch die pathogene Relevanz verschiedener Zoonosenerreger berücksichtigt werden müsste. Besonders von Vertretern der Humanmedizin wurde hervorgehoben, dass die in der Veterinärmedizin getroffenen Managementmaßnahmen (Zulassungseinschränkungen, Leitlinien, 11.AMG-Novelle etc.) beispielhaft seien.

Zusätzliche Forschungen sind nach Ansicht der Experten notwendig, um den Einfluss exogener Faktoren zu ergründen, die bei der Resistenzentwicklung von Bedeutung sind. Auch zur Dynamik und Frequenz, mit der sich Resistenzen ausbreiten, fehlen zur Zeit noch umfassende Untersuchungen. Es sollten Standardverfahren entwickelt werden, die den Übergang von Resistenzgenen innerhalb einer und zwischen den Bakterienspezies aufzeigen. Wichtig sind außerdem Erkenntnisse darüber, welche Resistenzgene in Bakterien vorhanden sind und wie sie sich ausbreiten. Diese Daten sollten in Modelle zur Risikoanalyse übertragen werden. Die Fachleute waren sich darüber einig, dass die Datenerhebung und die Vernetzung von Datenbanken verbessert werden müssen. Die Fortbildung sollte auf allen Ebenen intensiviert werden. Weiterhin werden unter anderem bessere hygienische Bedingungen sowie verstärkte Impfprogramme in der Tierhaltung als geeignete Mittel angesehen, um den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren.

Die bisherigen und zukünftigen Risikomanagementmaßnahmen müssen nach Ansicht der Experten ein Gleichgewicht zwischen dem vorbeugenden gesundheitlichen Verbraucherschutz sowie dem Tierschutz und der Tiergesundheit herstellen. Diesem Gedanke folgend muss sicher gestellt sein, dass dem Tierarzt zugelassene Antibiotika zur Verfügung stehen, die ihm eine effiziente und legale Therapie für alle Tierarten unabhängig von ihrem Nutzungszweck ermöglichen.

Die Arbeitsergebnisse des BVL-Symposiums wurden in den "Zwölf Punkten zur Begrenzung von Antibiotikaresistenzen" zusammengefasst:

  1. Der Vollzug zur Überwachung der Vertriebswege von antimikrobiell wirksamen Substanzen ist zu verbessern. Der Vollzug muss effizienter werden.
  2. Die Verbrauchsmengen für Antibiotika sind detailliert zu erfassen. Dafür ist eine gesetzliche Grundlage zu schaffen.
  3. Das Monitoring der Antibiotikaresistenz ist auf allen Stufen der Lebensmittelproduktion gesetzlich zu verankern.
  4. Forschungsbedarf besteht bzgl. exogener Einflussfaktoren (Epidemiologische Modellierung) und zur Ausbreitungsdynamik und zur -frequenz der Antibiotikaresistenz.
  5. Die Erarbeitung valider veterinärmedizinischer breakpoints ist dringend notwendig.
  6. Es sollten Eingriffswerte für Resistenzquoten zur Einleitung behördlicher Maßnahmen definiert werden
  7. Für den Humanbereich besonders bedeutende Antibiotika sollten in der Veterinärmedi-zin eingeschränkt angewendet werden.
  8. Antimikrobiell wirksame Substanzen sind kein Ersatz für Managementfehler bei den Produktionsbedingungen von Lebensmitteln tierischer Herkunft. Impfstrategien und ein verbessertes Hygienemanagement sind notwendig.
  9. Gleiche Qualität der Daten vorausgesetzt, sind die Erkenntnisse einzelner Institutionen zur Resistenzentwicklung und -ausbreitung in entsprechenden Datenbanken zusammenzuführen.
  10. Leitlinien zum umsichtigen Umgang mit Antibiotika sollten gesetzlich verankert werden.
  11. Managementmaßnahmen müssen koordiniert mit der Humanmedizin erfolgen.
  12. Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zur Anwendung von Antibiotika und zum Risiko der Anwendung von Antibiotika müssen intensiviert werden.

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